Nicht so deep?!?

  • Ach die liebe Jugendsprache. Ich gehe mal stark davon aus, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so vorkommt, als sei die eigene Jugend und damit auch die exzessive Verwendung des eigenen Jugendvokabulars noch gar nicht so lange her. Fett, edel und das auch heute in den Sätzen meiner Kinder omnipräsente Digga (wahlweise auch Digger, I guess) sind ja nun auch nicht so „antik“ wie dufte oder knorke. Aber bei genauer Betrachtung muss ich als Mann Anfang 40 wohl doch konstatieren, dass die meisten Versuche Jugendsprache zu nutzen heutzutage etwas seltsam wirken. Geradezu… cringe… 😉

    Aber es geht mir auch gar nicht darum, dass ich meinen Jugendworten ein Denkmal setzen möchte. Vielmehr möchte ich einen heute geläufigen Satz aufgreifen, der mich aufrichtig begeistert. Es geht um den Satz „Das ist nicht so deep.“

    Bevor ich mich darüber auslasse, wieso gerade diese Redewendung mich so fasziniert, kurz eine Erläuterung. Sucht man nach der Bedeutung dieses Satzes, so wird man meist darauf stoßen, dass es hier darum geht, eine Überanalyse zu verhindern. Hier steht also im Vordergrund jemanden wissen zu lassen, dass etwas nicht so tiefgründig oder so schwerwiegend gemeint war, wie es bei der anderen Person vielleicht ankam.

    Für mich ist die weitaus gewichtigere Variante aber eine andere. Verwendet man nämlich „Das ist nicht so deep.“ im Kontext sozialer Regeln, Normen und Moralvorstellungen, kann man sehr schön und mit einer gewissen unterschwellig zum Ausdruck gebrachten Genervtheit darauf hinweisen, dass bestimmte Dinge im Kern selbstverständlich sein sollten.

    Beispiele gefällig? Gerne:

    „Digga was pfeifst du denn dem Mädchen hinterher? Das ist sexuelle Belästigung! Das ist nicht so deep!“

    „Wenn du willst, dass alle Menschen mit Migrationshintergrund unser Land verlassen, dann ist das natürlich eine rechtsextreme Aussage. Ist doch nicht so deep, oder?“

    „Also wenn man die politischen Programmpunkte einer gesichert rechtsextremistischen Partei durch beinahe wortgleichen Übertrag in das eigene, vermeintlich konservative Parteiprogramm übernimmt, dann legitimiert man natürlich die Ansichten der Extremisten. Ist das wirklich so deep?“

    Ja, zugegeben, ich hab hier jetzt direkt mal meine persönlichen Ansichten mit einfließen lassen, aber ist hier auch der Punkt. Es ist nämlich absolut nicht kompliziert oder tiefgründig ewig gestrige, rechtsextreme Ansichten schlecht zu finden. Es sollte überhaupt keine Notwendigkeit geben, jemanden darauf hinzuweisen, sexuelle Belästigung in jedweder Form zu unterlassen. Und auch viele wahrhaft überkommende Rituale der Boomer-Generation können gut und gerne mit diesem Satz bedacht werden.

    Aber ist es denn wirklich so einfach?

    Diese Frage mag man sich ja stellen, das ist erstmal legitim. Zum Leidwesen derjenigen, die sich gerne auf die Position zurückziehen, dass Dinge nunmal schon immer so waren, oder dass man selbst ja auch nicht davon gestorben sei, muss ich hier direkt enttäuschen. Denn ja, es ist so einfach. Man kann sich da an wenigen, leicht verständlichen Regeln entlanghangeln.

    1. Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem Andern zu!
      • Einfach, prägnant und selbst jedem Angehörigen älterer Generationen durch die eigenen Eltern mit auf den Weg gegeben. Natürlich können Männer (oder jede andere Person auf die es zutreffen mag), hier nun verschmitzt behaupten, dass sie nichts dagegen hätten, wenn man ihnen hinterher pfiffe. Diesen lege ich Regel 2 ans Herz.
    2. Versetz sich in die jeweils andere Person, wenn du Regel 1 anwendest!
      • Also los, Mann. Stell dir vor du wärst weiblich und würdest allein, vielleicht auch noch bei einsetzender Dunkelheit, an einer Baustelle, einem Verkehrsstau oder einem beliebigen anderen Ort vorbeigehen und irgendein Kerl pfeift dir plötzlich hinterher. Stell dir vor, du wüsstest nicht, was der Mann als nächstes tut, was er für Ideen hat und ob er dir nicht vielleicht in den Wald folgt, durch den du als nächstes musst. Na? Immer noch okay?
    3. Übernimm Verantwortung für dich und dein Handeln!
      • Du bist schuld, wenn du gaffst, pfeifst oder grabschst. Nicht die andere Person, deren Outfit, vermeintlich aufreizendes Verhalten oder sonst etwas. Wenn du Alkohol trinkst, bist du schuld daran betrunken zu sein und somit auch für die dann folgenden Handlungen verantwortlich. Und wenn du Nazis wählst, dann ist auch nicht der Kanzler, die ehemalige Kanzlerin oder dein Nachbar mit Migrationshintergrund schuld daran, sondern du.

    Also ja, ich freue mich über diesen Satz. Sehr sogar. Denn unser Aller Miteinander sollte von Gleichberechtigung, Respekt und Anstand geprägt sein.

    Ist nicht so deep, oder?

  • Start ins Ungewisse

    Wir leben in turbulenten Zeiten. Das ist sicherlich eine Erkenntnis, welche die meisten Menschen in Deutschland mit mir teilen können, egal wie jung oder alt, arm oder reich sie auch sein mögen.

    Diese Turbulenzen, die Ungewissheiten die damit einhergehen und die Überzeugung, dass es anders gehen könnte, haben mich dazu veranlasst mich vor etwa anderthalb Jahren zum ersten Mal in meinem Leben strukturiert und ambitioniert mit aktiver politischer Arbeit zu befassen. Mit Bündnis 90/Die Grünen habe ich die Partei zu meiner politischen Heimat gemacht, die ich auch bereits seit Jahren immer wieder gewählt habe und die mir – insbesondere in den letzten Jahren – als letzte verbliebene Bastion vernunftgesteuerter Politik erscheint.

    Nun dieser Blog. Ein Blog? Wirkt in Anbetracht der audiovisuellen Druckbetankung unserer armen Gehirne durch die rasanten Videoschnipselabfolgen der Social Media-Giganten etwas aus der Zeit gefallen? Richtig. Und genau das ist der Punkt. Ich habe mich auch auf dem Parkett der TikTok-Videos kurzzeitig ausprobiert und gemessen an der Tatsache, dass ich mit rein politischem Content und nur wenigen Videos einiges an Views bekommen habe scheint auch dieser Weg mir nicht gänzlich verschlossen zu sein, doch unterschiedliche Medien sind für unterschiedliche Zwecke gemacht. Und wenn es darum geht über die Untiefen moderner Politik nachzudenken und sich tief über die Seekarten zu beugen, um im flackernden Licht des Social Media verseuchten Smartphone-Displays auch die letzte Sandbank zu identifizieren, dann ist ein Blog um Einiges angebrachter als eine Kurzvideoserie.

    Aber worum geht es hier denn nun eigentlich? Was soll dieser Blog und wer soll ihn konsumieren?

    Zunächst einmal geht es hier bei Perspektivwechsel genau darum: Die Perspektiven zu wechseln, die eigene Sichtweise auf die Welt kurzzeitig zu verlassen und durch andere Augen und mit anderem Mindset auf das ganze Chaos zu blicken. Denn das ist es, was Politik heutzutage leisten muss.

    Vor ziemlich genau einem Jahr erschien bei Deutschlandfunk (https://www.deutschlandfunk.de/bundestag-zusammensetzung-frauen-repraesentanz-102.html) ein Artikel zur Zusammensetzung des Bundestags, welcher sehr deutlich macht, dass große Teile der deutschen Bevölkerung im deutschen Bundestag unterrepräsentiert sind. Dieser Umstand ließe sich zwar – und diesen Punkt betrachten wir in Zukunft noch im Detail – durch bessere und nachhaltigere politische Bildung, gerechtere Vermögensverteilung oder durch Quotenfestsetzung ändern, es scheint mir jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass dies in absehbarer Zeit in der notwendigen Konsequenz geschehen wird.

    Und genau deshalb ist der Perspektivwechsel so wichtig. Nur wenn Politikerinnen in der Lage sind sich die Lebensrealität der (potentiellen) Wählerinnen in unterschiedlichen Intensitäten vorstellen zu können, kann trotz Unter- oder Mangelrepräsentation großer Gesellschaftsteile eine Politik für alle Bürgerinnen Deutschlands gemacht werden.

    Damit ist die Frage nach dem „Was soll das hier?“ beantwortet. Nur für wen dieser Blog gedacht ist, lässt sich durch mich nicht abschließend bewerten. Ich schreibe hier die Gedanken auf, die mich beschäftigen. Die sich daraus ergebende ordnende Funktion in Kombination mit der Dokumentation eventuell wertvoller Impulse erscheinen mir in sich bereits lohnenswert zu sein. Wer auch immer diesen Blog findet und für sich Erkenntnisse aus ihm ziehen kann, der möge dies gerne tun.

    Am Ende des ersten Eintrags ist gerade der 22.03.2026 angebrochen. In den nicht einmal drei Monaten diesen Jahres ist bereits soviel passiert, dass es schwierig ist den Überblick zu behalten. Umso mehr freue ich mich darauf, in meinem nächsten Beitrag den ersten Perspektivwechsel durchzuführen und die Welt kurz mit anderen Augen zu sehen.